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ADHS – Die Jägerseele in einer emotional tauben Gesellschaft

  • Autorenbild: Alex Labont
    Alex Labont
  • vor 2 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit

Was, wenn ADHS nicht nur eine „Störung“ ist?


Was, wenn ein Teil dessen, was wir heute als problematisch betrachten, früher überlebenswichtig war – und vielleicht auch heute noch eine wichtige gesellschaftliche Funktion erfüllt?

Genau diese Perspektive vertritt die sogenannte „Hunter vs. Farmer“-Theorie des amerikanischen Autors und Radiomoderators Thom Hartmann. In seinem Buch ADHD: A Hunter in a Farmer’s World beschreibt er die Idee, dass Menschen mit ADHS Eigenschaften besitzen, die in der Zeit der Jäger und Sammler evolutionär von Vorteil gewesen sein könnten.

Die Theorie ist wissenschaftlich nicht abschließend bewiesen und auch nicht unumstritten. Selbst Hartmann betonte später, dass es eher ein Denkmodell als „harte Wissenschaft“ sei. 


Und trotzdem berührt sie einen Punkt, den viele Betroffene intuitiv spüren:


Vielleicht ist ADHS nicht einfach „falsch“. Vielleicht passt es nur nicht vollständig in die heutige Welt.

Die Welt braucht Farmer – aber sie braucht auch Jäger

Unsere moderne Gesellschaft funktioniert stark nach „Farmer-Prinzipien“:

  • Struktur

  • Planung

  • Wiederholung

  • Routine

  • Anpassung

  • emotionale Kontrolle

  • langfristige Stabilität

Schule, Büroarbeit, Verwaltung und soziale Erwartungen belohnen Menschen, die konstant funktionieren, still sitzen, organisiert arbeiten und Emotionen kontrolliert ausdrücken.

Doch vor Tausenden von Jahren sah die Welt anders aus.

Damals brauchte eine Gruppe Menschen, die:

  • schnell reagierten

  • Gefahren früh wahrnahmen

  • Risiken eingingen

  • impulsiv handelten

  • Neues entdeckten

  • intensive Aufmerksamkeit entwickeln konnten

  • emotional stark auf ihre Umwelt reagierten

Genau diese Eigenschaften verbindet Hartmann mit ADHS.

Der „Jäger“ war nicht dafür gemacht, acht Stunden still auf einem Feld dieselbe Tätigkeit auszuführen.


Er musste wachsam sein.


Reizoffen.


Schnell.


Intensiv.

Und vielleicht liegt genau dort eine wichtige Botschaft für unsere heutige Zeit.

Das übersehene Potenzial: emotionale Intensität

Wenn über ADHS gesprochen wird, liegt der Fokus oft auf Konzentrationsproblemen, Impulsivität oder innerer Unruhe.

Worüber deutlich weniger gesprochen wird, ist die emotionale Intensität vieler Betroffener.

Menschen mit ADHS erleben Emotionen häufig nicht „ein bisschen“, sondern stark:

  • Freude wird zu Begeisterung

  • Enttäuschung wird tief empfunden

  • Ungerechtigkeit trifft mitten ins Herz

  • Liebe wird intensiv erlebt

  • Ablehnung kann schmerzhaft sein

  • Begeisterung wird sichtbar

Und genau das kollidiert mit einer Gesellschaft, die emotionale Kontrolle oft mit Stärke verwechselt.

Schon früh lernen viele Menschen Sätze wie:

  • „Reiß dich zusammen.“

  • „Sei nicht so empfindlich.“

  • „Übertreib nicht.“

  • „Emotionen gehören nicht hierher.“

Emotionen werden häufig gedämpft, rationalisiert oder versteckt.


Vor allem Männer erleben oft, dass emotionaler Ausdruck als Schwäche bewertet wird.

Doch vielleicht brauchen wir gerade heute Menschen, die Gefühle sichtbar machen.

ADHS als emotionaler Gegenimpuls unserer Zeit

Vielleicht ist ADHS heute nicht mehr dafür da, Menschen zur Jagd zu treiben.

Vielleicht erinnert es unsere Gesellschaft an etwas anderes:

Dass Menschen keine Maschinen sind.

Dass Emotionen nicht das Problem sind, sondern ein Teil unserer Menschlichkeit.

Dass echtes Mitgefühl, Leidenschaft, Begeisterung und ehrlicher Ausdruck nicht „zu viel“, sondern essenziell für zwischenmenschliche Verbindung sind.

Viele Menschen mit ADHS spüren Stimmungen im Raum schneller.


Sie reagieren emotional direkter.


Sie sprechen Dinge an, die andere verdrängen.


Sie können kreativ denken, intensiv lieben und sich mit ganzer Energie für Menschen oder Ideen einsetzen.

Natürlich bringt ADHS reale Herausforderungen mit sich.


Organisation, Reizregulation oder emotionale Überforderung können enorm belastend sein. ADHS romantisch darzustellen würde Betroffenen nicht gerecht werden.

Und trotzdem lohnt sich ein Perspektivwechsel:

Vielleicht müssen Menschen mit ADHS nicht erst lernen, „normal“ zu werden.


Vielleicht muss unsere Gesellschaft auch wieder lernen, emotional lebendig zu sein.

Die Stärke hinter der Intensität

In Unternehmen spricht man heute viel über Innovation, Kreativität, emotionale Intelligenz und authentische Führung.

Interessanterweise sind genau dort Eigenschaften gefragt, die lange als „zu intensiv“ galten.

Die Fähigkeit:

  • Dinge leidenschaftlich zu verfolgen

  • emotional berührt zu sein

  • schnell Zusammenhänge wahrzunehmen

  • spontan zu handeln

  • neue Wege zu denken

  • andere emotional mitzureißen

kann zu einer enormen Ressource werden.

Vielleicht brauchen wir in einer zunehmend funktionierenden, rationalisierten und digitalisierten Welt wieder mehr Menschen, die fühlen.

Menschen, die nicht perfekt angepasst sind.

Menschen, die uns aus der emotionalen Höhle heraustreiben.

Denn Fortschritt entsteht nicht nur durch Ordnung.


Manchmal entsteht er durch Intensität.

Und vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Botschaften hinter ADHS.



 
 
 

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